Decisionmaking

Frau mit Wunderkerze

Ein persönlicher Jahresrückblick

Januar

Das Jahr beginnt ganz leise, schleicht sich an uns heran wie ein scheues Tier, aber wir begrüßen es mit offenen Armen. Es kann doch nur gut werden. Doch viel zu schnell hat dieses sanfte Jahr sich eingelebt, wird selbstbewusst, vielleicht sogar zu sehr. Und so wird langsam, aber sicher die mühsam aufgebaute Fassade angekratzt. Darunter das gut verstaute Trauma, die Angst, das Misstrauen, die Zweifel. Und nicht zuletzt die schmerzhaften Erinnerungen, die diese erste Jahreswochen freilegen. 

Eine erste Entscheidung fällt. Leise erst und noch unsicher, ob sie in die Tat umgesetzt wird. Eigentlich mehr nur eine Idee, eine ungefähre Ahnung … was aus ihr wird, weiß noch niemand.

Februar

Doch sie wächst, im Februar steht die Entscheidung auf festen Füßen. Das Jahr nimmt Fahrt auf und während in der Welt da draußen schlimme Dinge passieren und mich sprachlos machen, müssen so viele Dinge in meiner inneren kleinen Welt auch erstmal repariert werden. 

Gleichzeitig fasst mein Herz eine der schwersten Entscheidungen, seit fast einem Jahr: drei Worte auf meine Zunge und über meine Lippen zu schicken, ohne zu wissen, welche Antwort darauf zu erwarten ist. Der erste Sprung ins Eiswasser, aber nicht der letzte.

März

Hilfe suchen ist die eine Herausforderung. Hilfe annehmen nochmal eine ganz andere. Und die größte ist es vielleicht, herauszufinden, wessen Hilfe wirklich hilfreich ist. Nicht zuletzt bleibt dann noch die Entscheidung, sich zu öffnen. Alles davon ist viel schwerer und härter als gedacht, aber auch dieser Sprung ins Eiswasser wird am Ende belohnt werden.

April

Die Entscheidungen der letzten Monate zahlen sich aus: eine tiefgreifende Erkenntnis wird zum ersten Erfolg. Er fühlt sich jedoch nicht wie ein solcher an, sondern ist vor allem erstmal schmerzhaft, doch danach wird er so viel Heilung mit sich bringen. Nämlich das Wissen, dass ich genug bin, immer genug war und auch immer genug sein werde. Ohne eine besondere Leistung erbringen zu müssen.

Die Verewigung der Novemberblume und damit der dauerhaften Erinnerung an mich selbst hätte zu keinem passenderen Zeitpunkt kommen können. Die Zuversicht wächst langsam, aber stetig: Dieses Jahr, das meint es gut mit mir. 

Mai

Die ersten warmen Sonnenstrahlen des Jahres rufen zu einem Wiedersehen, das viel zu lange hinausgeschoben wurde. Wenn du Menschen jahrelang nicht siehst und keinen Kontakt mit ihnen hast, ihr euch dann aber trotzdem in die Arme schließt, als wäre das letzte Treffen erst gestern gewesen – dann weißt du, dass du Freunde hast. Drei Tage wie warmes Nach Hause Kommen, gefüllt mit Lachen und Geschichten. Nächstes Jahr wieder. 

Juni

Ein Tapetenwechsel, wenn auch nur kurz. Ein kurzer Ausflug ans Wasser. Das Rauschen in den Ohren, den Wind um die Nase … eine Umgebung um abzuschalten und runterzukommen, selbst wenn der Verkehr und die Menschenmengen im Hintergrund so gar nicht dazu passen wollen. Diese Perle ist einer der Orte, die mich erden. No matter what. 

Juli

Ich entscheide mich dazu, dass jede*r eine zweite Chance verdient hat. Zunächst etwas widerwillig, doch es wird belohnt. 

Und parallel zu diesem großen Glück treten immer mehr Zweifel auf an dem, was ich will, was und wo ich bin. Wie soll meine Zukunft aussehen? Beim stellen dieser Fragen und dem Nachdenken darüber fließen seit längerer Zeit wieder die ersten Worte auf’s Papier oder auf den Bildschirm. Was ist größer, das Verlangen, diese Worte der Welt zu zeigen und sie zu teilen oder die Angst davor, zu scheitern? Tatsächlich habe ich noch keine abschließende Antwort darauf. Alltags-Geschichten.de war und ist genauso ein Sprung ins Eiswasser wie die vorherigen. 

August

Das Meer – wie habe ich es vermisst. Die Salzluft in der Nase und im Haar, Perlen von Wasser und Schweiß auf der Haut und die Wärme der Sonne im Gesicht. Es sind diese Tage in denen ich es schaffe, ein wenig den Stress der vorangegangenen Wochen auszublenden. Ein bisschen mehr wieder zu mir selbst zu finden. Gekrönt wird diese Auszeit von einem Besuch in meiner Sehnsuchtsstadt. Und irgendwo zwischen Stephansdom und Schloss Schönbrunn treffe ich dann die Entscheidung, die den Rest des Jahres prägen wird. Eine Entscheidung gegen das Bekannte und für das Abenteuer. Eine Entscheidung gegen die Sicherheit, aber für mich. 

September

Der Besuch in der Heimat setzt mein Nervensystem immer zurück auf null. In der Abgeschiedenheit des alten Kinderzimmers fühlt sich das alltägliche Leben so weit weg an, dass es einfach mal für ein paar Tage egal sein kann. Und so kann ich auch darauf die mentalen Kapazitäten und das Zutrauen in mich selbst aufbringen, eine weitere Entscheidung zu treffen. Eine nur für mich und meine Zukunft.  

Oktober

Etwas Neues beginnt und die Euphorie dabei gibt mir zwar neuen Schwung, trotzdem ist es eine weitere zusätzliche Verpflichtung, der ich gerecht werden will, ein weiterer Punkt auf der To Do Liste, der abgearbeitet werden muss. Langsam komme ich ins straucheln.

November

Der November ist schon lange meine Lieblingsmonat – nicht nur wegen meines Geburtstags, sondern auch, weil der November nichts von dir verlangt. Es ist grau und regnerisch, es gibt keine Feste oder Verpflichtungen. So kann ich den vorletzten Monat des Jahres nutzen, um durchzuatmen. Bei einem wunderschönen Geburtstag sammle ich Kraft und mache mich bereit. Denn ich sehe die Welle bereits auf mich zurollen … 

Dezember

Die Vorweihnachtszeit ist selten so besinnlich, wie man das immer behauptet. Doch dieser Dezember war besonders intensiv. Da kommt zu dem „normalen“ Stress der Weihnachtsvorbereitungen noch der mentale Stress und Druck dazu, den ich mir (teilweise) selbst mache – und ich renne und renne und renne … Doch die Welle holt mich trotzdem ein, ich vernachlässige Verpflichtungen, das Sozialleben und nicht zuletzt vor allem mich selbst. Bis mein Körper mir das eindeutige Signal gibt, dass jetzt Schluss sein muss. Also gönne ich ihm und mir eine Pause bis zum Ende des Jahres. Verbringe heilsame Tage mit Menschen, die mir am wichtigsten sind und viel Zeit mit mir. Wir schmieden Pläne für das neue Jahr – Pläne, auf die wir uns freuen können.


So geht 2022 seinem Ende zu. Turbulent und erschütternd. Schmerzhaft und lehrreich. 2022 war hart, aber gleichzeitig auch sehr gut zu mir. 

Auf Zweifel folgte Wachstum und dann wieder Zweifel. Auch an denen werde ich wieder wachsen, da bin ich mir sicher. Ich habe geliebt und wurde geliebt. Ich habe Dinge losgelassen und dafür Neues willkommen geheißen. Ich habe gelacht, geweint, getanzt. Und mehr kann man von so einem Jahr eigentlich kaum verlangen. 

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